Karin

Beispiel 1: Karin

Die 22-jährige Karin lebt in einer teilstationären Einrichtung, in der Sie als Mitarbeitende_r tätig sind. Karin verbringt ihre Zeit mit Vorliebe alleine. Jeden Samstag nach dem Frühstück unternimmt sie einen ein- bis zweistündigen Spaziergang.

 

Für 11 Uhr an diesem Samstag hat sich Karins Mutter angekündigt, um ihre Tochter zu einer Familienfeier abzuholen. Gerichtlich ist sie als Karins Betreuerin berstellt mit den Aufgabenkreisen: Aufenthalts-Bestimmung, Vermögens- und Gesundheits-Sorge. Sie hat ausdrücklich darum gebeten, Karin an die Verabredung zu erinnern und dafür zu sorgen, dass ihre Tochter zur vereinbarten Zeit abholbereit ist.

 

Gegen 10:30 Uhr, später als samstags üblich, treffen Sie im Foyer auf Karin. Sie trägt eine Jacke und ist im Begriff das Haus zu verlassen.

Welches ist Ihr unwillkürlicher erster Impuls? In welche Richtung zeigt er?

 

Vorwärts, in die Situation hinein, intevenierend, um den Lauf der Dinge gezielt zu beeinflussen?

 

Oder Halt, präsent bleiben, ohne einzugreifen?

 

Oder Rückwärts, aus der Situation heraus, um jede Beteiligung am Geschehen zu vermeiden?

 

 

 

Oder fällt es leichter, eine Emotion zu benennen? Was empfinden Sie unwillkürlich bei den Gedanken, die Ihnen zu der oben beschriebenen situativen Gegebenheit kommen?

 

Das RUZLA-Verfahren unterscheidet 6 Basis-Emotionen:

  • Freude (inkl. Zufriedenheit, Stolz-, Glücks-, Hochgefühl, etc.)
  • Zorn (inkl. Ärger, Wut, Groll, Empörung, etc.)

 

  • Angst (inkl. Furcht, Verzweiflung, etc.)
  • Ekel (inkl. Abscheu, Widerwillen, etc.)

  • Überraschung (inkl. Schrecken, etc.)
  • Kummer (inkl. Leid, Schmerz, Sorge, etc.)

 

 

Welches war Ihr erster Gedanke? Welcher Haltung kommt er am nächsten?

  • Eher „Ich muss“?
  • Oder „Jemand sollte“?
  • Oder „Ich möchte“?

 

Wo liegt der Ursprung Ihres Handlungs-Impulses?

  • Eher in Ihrem beruflichen Auftrag?
  • Oder der außergewöhnlichen Situation?
  • Oder Ihrer inneren Stimme?

Zuständig ist, wer zum Handeln ermächtigt bzw. verpflichtet ist. Es ergibt sich u.U. aus Ihrer Rolle oder Ihrer Stellenbeschreibung, Ihrem Arbeitsauftrag oder einer dienstlichen Anweisung.

 

  • Muss ich?“ lautet die Frage nach der Zuständigkeit.

 

Eine rechtmäßige Handlung oder rechtmäßiges Verhalten ist legitim.

 

Ein Verhalten oder Handlungen sind fachlich begründbar, wenn eine Prüfung und Bewertung sozialberuflichen Handlungswissens auf „Wirksamkeit und Angemessenheit“ (Kleve 2003, 5) erfolgt ist.

 

  • Darf ich?“ lautet die Frage nach der Legitimität / Begründbarkeit.

 

An diesem Punkt ist aus dem unwillkürlichen ersten Impuls meist eine Absicht geworden. Sichern Sie

Ihr beabsichtigtes Tun bzw. Unterlassen ab.

 

Überprüfen Sie die folgenden Aspekte:

 

  1. Fällt das beabsichtigte Tun in Ihre Zuständigkeit? (Ja / Nein)

 

  1. Ist es legitim? (Ja / Nein)

Ist es sozialberuflich begründbar?

 

  1. Ist es angemessen? D.h. ist es, verglichen

mit den Handlungs-Alternativen, das mildeste Mittel? Werden die höchsten Werte und obersten Ziele und ethischen Prinzipien sozialberuflichen Tuns beachtet?

A. Eigen- / Selbständigkeit

B. Zugehörigkeit / Teilhabe

C. Grundsicherheit / Lebensqualität

1. Autonomie

2. Nicht schaden

3. Zuträglichkeit

4. Solidarität

5. Gerechtigkeit

6. Effektivität

  • Sollte ich?“ lautet die Frage nach der Angemessenheit.

 

Professionell sozialberufliches Tun verfolgt das Ziel, die Klient*innen (K.) zu einer selbständigen Lebensführung zu befähigen. Jedes Tun bzw. Unterlassen hat dieses

Ziel zu fördern.

 

Die partizipativen Fähigkeiten der K. sind zu

fördern, und ihre Möglichkeiten zur Inklusion

und Partizipation sind zu erweitern.

 

Die materielle Versorgung und gewaltfreie Lebens-Bedingungen der K. sind zu gewährleisten.

 

 

 

Die Anerkennung und Beachtung professions-ethischer Prinzipien stellt sicher, dass die Art und Weise des sozialberuflichen Tuns stets moralisch integer ist.

 

(Kaminsky 2015)

  1. Die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit der K. ist wahrzunehmen, zu respektieren und zu fördern.

 

  1. Die Rechte der K. sind zu achten und zu respektieren, ihre berechtigten Interessen sind nicht zu durchkreuzen.

 

  1. Die Selbständigkeit, Teilhabe und Lebensqualität der K. ist zu fördern.

 

  1. Berechtigten Interessen der K. ist Vorrang zu geben vor denen anderer Interessen-Vertreter. Die soziale Existenz der K. ist zu erhalten und zu fördern.

 

  1. Die Ressourcen des professionell sozialberuflichen Tuns sind gerecht auf die Klientenschaft zu verteilen.

 

  1. Die Wirksamkeit des sozialberuflichen Tuns ist sicherzustellen, zumindest zu beobachten und zu dokumentieren.

 

(Kaminsky 2015)

Kleve, Heiko (2003): ): Geschichte, Theorie, Arbeitsfelder und Organisationen Sozialer Arbeit. Reader: Fragmente – Definitionen, Einführungen und Übersichten. Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin. Berlin. www.ash-berlin.eu/hsl/docs/2427/Reader.doc [Letzter Zugriff: 29.12.2015]

© Copyright 2015. Alle Rechte vorbehalten.